Besuch im neuen BAZ Altstätten: Ein Rundgang mit gemischten Eindrücken
- skriech
- vor 10 Stunden
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«Hoffentlich haben Sie gleich einen unterirdischen Tunnel zum Gefängnis gegenüber gebaut, da gehören sie ja schliesslich hin», sagte eine Frau hinter mir als ich gerade das neue Bundesasylzentrum (BAZ) in Altstätten nach einem Rundgang verliess. Sie wiederholte den «Witz» dreimal, damit auch all ihre Begleiter ihn gehört haben. Eine andere Frau antwortete: «Das Gefängnis so nah, ist sicher nicht schlecht. Das kann abschreckend wirken. Dann benehmen sie sich auch endlich mal anständig». Die Gruppe kommentierte die Sache im gleichen Stil weiter, während sie sich auf den Heimweg machte – in ihre eigenen vier Wände, mit Betten die sie auswählen durften und niemandem der kontrolliert, dass er oder sie um 18 Uhr zurück ist.
Aber von vorne: am Samstag, 15. August hat das Staatsekretariat für Migration (SEM) die Bevölkerung von Altstätten und Umgebung zur Besichtigung des neuen BAZ eingeladen. Das BAZ wurde kürzlich fertiggestellt und beabsichtig ab September 2026 die ersten Bewohner:innen aufzunehmen. Platz hat es für 390 Personen.
Wer das neue Gebäude betritt, dürfte zunächst positiv überrascht sein. Viel Holz, helle Räume, grosse Fenster und ein Innenhof mit Bäumen und Pflanzeninseln. Noch wirkt vieles nüchtern und unbewohnt, doch architektonisch wurde sichtbar versucht, eine angenehme Umgebung zu schaffen.
Das Zentrum ist in verschiedene Wohnbereiche für unbegleitete Minderjährige, Familien, alleinreisende Frauen und alleinreisende Männer gegliedert. Es gibt eine Schule, Räume zum Spielen, Basteln und Werken, eine Mensa und eine Krankenstation. Orte also, die im Alltag Struktur schaffen sollen.
Die Gespräche während des Rundgangs zeigten jedoch, wie unterschiedlich der Blick auf die künftigen Bewohner ist. «Brauchen die denn so viele Räume? Zum Beispiel einen Bastelraum?», war mehrfach zu hören. Mehrere ältere Herren verglichen die Unterbringung mit ihrer eigenen Zeit in der Kaserne und erzählten, dort hätten zwanzig Personen in einem Raum geschlafen und deutlich weniger Platz gehabt.
Der Vergleich hinkt. Denn Menschen kommen nicht für eine Rekrutenschule ins BAZ. Sie befinden sich in einem Asylverfahren, haben oftmals lange Fluchtwege und traumatisierende Erlebnisse hinter sich und leben während dieser Zeit auf engem Raum mit vielen anderen Menschen und Kulturen.
Auch kleine Details wurden kritisch kommentiert. Einer Besucherin lief das Wasser auf der Toilette zu lange. Auf manche Erklärungen der Mitarbeitenden folgte ein skeptisches «Aha».
Andere Reaktionen waren von mehr Mitgefühl geprägt. Im Schulzimmer etwa wurde darüber gesprochen, wie wichtig Struktur, Gemeinschaft und ein Stück Normalität gerade für Kinder sind und wie schwierig es sein muss, über längere Zeit in einem Zentrum zu leben.
Zum BAZ gehört aber auch der administrative Teil des Asylverfahrens. Neu eintretende Personen werden registriert, befragt und durchsucht, Fingerabdrücke und Fotos werden aufgenommen und Abgleiche vorgenommen. Das ist die andere Seite der hellen Räume: Das Zentrum ist Unterkunft und zugleich ein Ort der Kontrolle.

Sichtbar wird das bereits von aussen. Das Gelände ist hoch eingezäunt. Eine Besucherin fragte deshalb besorgt, ob die Bewohner:innen überhaupt nach draussen dürften. Ein Mitarbeiter des SEM stellte klar: Das BAZ sei kein Gefängnis. Bewohner dürften das Areal verlassen. Gleichzeitig gilt jedoch eine frühe Rückkehrzeit: Um 18 Uhr müssen alle wieder im Zentrum sein, ab 17.30 Uhr dürfen sie dieses deshalb nicht mehr verlassen.
Und direkt gegenüber befindet sich tatsächlich das Regionalgefängnis.
Natürlich macht diese Nachbarschaft aus einem BAZ noch kein Gefängnis. Trotzdem stellt sich die Frage, welches Signal eine solche Umgebung aussendet. Besonders an Menschen, die neu hier sind und deren Alltag ohnehin stark von Regeln, Verfahren und Abhängigkeiten bestimmt wird.
Auch räumlich bleibt eine Distanz zum alltäglichen Leben in Altstätten. Das BAZ liegt etwas ausserhalb und ist zu Fuss in etwa einer halben Stunde erreichbar. Es gibt zwar einen direkten Bus, doch dieser muss auch bezahlt werden können.
Das bekommen auch Menschen zu spüren, die Begegnung ermöglichen möchten. Das Café 51 im Dorf ist ein solcher Ort. Bislang können Menschen dort zusammenkommen, miteinander reden und Beziehungen entstehen lassen. Für Bewohner des neuen BAZ wird eine spontane Teilnahme schwieriger. Die Verantwortlichen überlegen deshalb bereits, wie sie den Weg zwischen Zentrum und Dorf erleichtern können.
Der Tag der offenen Tür bot die Gelegenheit, sich selbst ein Bild zu machen – vom Gebäude, von den Rahmenbedingungen, aber auch von den Haltungen, mit denen Menschen, die hier Schutz suchen, empfangen werden.
Letzteres ist mindestens so wichtig wie die Architektur eines neuen Bundesasylzentrums.
Wer den Tag der offenen Tür verpasst hat, kann sich über den folgenden Link zum TVO-Beitrag einen Eindruck verschaffen oder noch besser, nächstes Jahr an der Austauschplattfom Asyl-Flucht-Migration teilnehmen:




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