Mein Tag im Respect Camp 2026 – Begegnungen, Fragen und neue Perspektiven
Was hat Frieden eigentlich mit mir zu tun? Und wie können wir lernen, respektvoll miteinander umzugehen, auch wenn wir unterschiedlich denken, unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben oder uns manchmal einfach nicht verstehen?
Mit diesen Fragen setzte das Respect Camp 2026 letzte Woche auf der Bundwiese in Gossau an. Während des Camps erhielten Jugendliche ab 12 Jahren die Möglichkeit, sich spielerisch und gleichzeitig ernsthaft mit verschiedenen Themen rund um Frieden, Gewaltprävention und gesellschaftliches Zusammenleben auseinanderzusetzen. Verschiedene Oberstufenklassen besuchten das Camp gemeinsam mit ihren Lehrpersonen. Die einzelnen Trainingspoints konnten freiwillig besucht werden.
An den verschiedenen Stationen ging es unter anderem um Gewalt, Armut, Lebensqualität, Flucht, Krieg, Kommunikation, interreligiösen Frieden, Vorurteile und Rassismus. Dabei standen nicht trockene Informationen oder fertige Antworten im Mittelpunkt. Vielmehr sollten die Jugendlichen selbst ins Denken, Diskutieren und Handeln kommen. Ergänzt wurde das Angebot durch ein Chillout-Zelt, Möglichkeiten zum Austausch und verschiedene Aktivitäten. Wer Frust oder überschüssige Energie loswerden wollte, konnte beispielsweise beim Seilziehen mitmachen oder einfach einmal laut schreien.

Mein persönlicher Tag im Respect Camp
Ich durfte einen Tag selbst Teil dieses Camps sein und das Zelt der Caritas St.Gallen-Appenzell mitbetreuen. Dadurch konnte ich nicht nur beobachten, wie das Camp funktioniert, sondern war mitten im Geschehen und hatte direkten Kontakt mit den Jugendlichen.
Für meinen Einsatz waren zwei Angebote vorbereitet. Zum einen ein Leiterlispiel zum Thema „Privilegierung“, zum anderen ein Kartenspiel zum Thema „Lebensqualität – was ist mir wichtig?“.
Beide Spiele waren bewusst so gestaltet, dass die Jugendlichen nicht einfach zuhören mussten. Sie sollten sich beteiligen, Entscheidungen treffen, ihre Meinung äussern und miteinander ins Gespräch kommen. Gerade diese spielerische Form machte es möglich, auch komplexere Themen auf eine Weise anzusprechen, die für Jugendliche zugänglich ist.

Privilegien sichtbar machen
Beim Leiterlispiel ging es um die Frage, mit welchen Voraussetzungen Menschen durchs Leben gehen. Nicht alle haben die gleichen Möglichkeiten, die gleichen Unterstützungen oder die gleichen Startbedingungen.
Durch das Spiel wurde versucht, solche Unterschiede sichtbar zu machen. Dabei ging es nicht darum, einzelne Jugendliche in Kategorien einzuteilen oder ihnen zu sagen, wie sie über ein bestimmtes Thema denken sollen. Vielmehr sollten sie selbst entdecken, dass Lebensbedingungen unterschiedlich sein können und dass Dinge, die für eine Person selbstverständlich erscheinen, für eine andere vielleicht gar nicht selbstverständlich sind.
Die Reaktionen darauf waren sehr unterschiedlich. Einige Jugendliche konnten schnell einen Bezug zu ihrem eigenen Leben herstellen und erzählten von eigenen Erfahrungen. Andere waren zunächst zurückhaltend oder konnten mit dem Begriff „Privilegierung“ wenig anfangen.
Genau diese Unterschiede fand ich besonders interessant.

„Was ist mir im Leben wichtig?“
Beim zweiten Angebot beschäftigten wir uns mit der Frage „Lebensqualität – was ist mir wichtig?“. Die Jugendlichen konnten aus einer Anzahl von 10 Karten verschiedene Karten auswählen, sie in Rangfolge bringen und darüber diskutieren, welche Dinge für sie im Leben eine wichtige und weniger wichtige Rolle spielen.
Dabei kamen ganz unterschiedliche Antworten zusammen: Familie, Freunde, Gesundheit, Freizeit, Geld, Sicherheit, Freiheit, Anerkennung oder eine gute Zukunft.
Was mich dabei besonders beschäftigt hat: Es gibt nicht die eine Antwort darauf, was ein gutes Leben ausmacht.
Für einen Jugendlichen kann beispielsweise Geld sehr wichtig sein, weil finanzielle Sicherheit in seinem Leben eine grosse Rolle spielt. Für eine andere Person stehen Familie oder Freundschaften im Vordergrund. Wieder andere legen grossen Wert auf Freiheit oder darauf, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können. Auch auf die Frage, ob die Privilegien überall in der Schweiz gewährleistet werden können (z.B. ein Schulbesuch oder körperliche Sicherheit) wurden unterschiedlich wahrgenommen. So wie auch auf die Frage, ob es Länder gibt, in denen es nicht selbstverständlich ist.
Durch das Spiel entstand ein Raum, in dem solche Unterschiede sichtbar wurden, ohne dass sie sofort bewertet werden mussten.

Unterschiedliche Voraussetzungen und Vorkenntnisse
Eine meiner wichtigsten Beobachtungen an diesem Tag war, wie unterschiedlich die Jugendlichen sensibilisiert waren und welche unterschiedlichen Vorkenntnisse sie mitbrachten.
Das zeigte sich zwischen den verschiedenen Klassen, aber auch innerhalb einer Klasse. Manche Jugendlichen waren mit Themen wie Rassismus, Flucht, Privilegien oder sozialer Ungleichheit bereits vertraut. Sie konnten Zusammenhänge herstellen, Fragen stellen und eigene Beispiele nennen.
Andere hatten offensichtlich noch wenig Berührungspunkte mit diesen Themen. Für sie waren bestimmte Begriffe oder Fragestellungen neu und manchmal auch ungewohnt.
Das fand ich besonders spannend, weil es gezeigt hat, wie unterschiedlich die Lebenswelten von Jugendlichen sein können.
Auch zwischen Mädchen und Jungen konnte ich unterschiedliche Zugänge und Reaktionen beobachten. Ebenso brachten Jugendliche mit unterschiedlichen familiären, kulturellen und persönlichen Hintergründen verschiedene Erfahrungen und Perspektiven mit.
Dabei wurde mir aber auch bewusst, wie wichtig es ist, solche Unterschiede nicht vorschnell auf Geschlecht oder Migrationshintergrund zurückzuführen. Die Jugendlichen waren als Individuen sehr unterschiedlich. Manche hatten ähnliche Meinungen und Erfahrungen, obwohl ihre Hintergründe ganz verschieden waren. Andere unterschieden sich stark voneinander, obwohl sie aus derselben Klasse oder einem ähnlichen Umfeld kamen.

Wenn aus einem Spiel ein Gespräch entsteht
Besonders eindrücklich war für mich, dass ein scheinbar einfaches Spiel plötzlich zu einem ernsthaften Gespräch führen konnte.
Eine Karte oder eine Aufgabe im Leiterlispiel konnte eine Diskussion auslösen: Was ist gerecht? Warum haben manche Menschen mehr Möglichkeiten als andere? Was brauche ich, um zufrieden zu sein? Warum fühlen sich manche Menschen ausgeschlossen? Und wie können wir miteinander umgehen, wenn unsere Vorstellungen völlig unterschiedlich sind?
Nicht jede Diskussion führte zu einer eindeutigen Antwort. Und das musste sie auch nicht.
Für mich liegt gerade darin ein wichtiger Wert des Respect Camps. Jugendliche bekommen die Möglichkeit, Fragen zu stellen und ihre eigenen Gedanken einzubringen. Gleichzeitig begegnen sie anderen Meinungen und erfahren, dass die eigene Sichtweise nicht die einzige Perspektive sein muss.

Friedensförderung und Antirassismus beginnt im Kleinen
Während meines Tages im Respect Camp wurde mir erneut bewusst, dass Friedensförderung und Antirassismus nicht erst bei grossen internationalen Konflikten beginnt.
Sie beginnt im Alltag.
Sie beginnt damit, wie wir miteinander sprechen. Wie wir reagieren, wenn jemand eine andere Meinung hat. Wie wir mit Wut und Frust umgehen. Ob wir Vorurteile hinterfragen. Ob wir jemanden ausgrenzen oder einbeziehen. Und ob wir bereit sind, zuzuhören, auch wenn uns die Meinung des Gegenübers nicht gefällt.
Gerade deshalb finde ich die Verbindung von Spiel, Information und persönlicher Begegnung im Respect Camp spannend. Die Jugendlichen sollen nicht einfach belehrt werden. Sie können selbst ausprobieren, diskutieren, lachen, nachdenken und auch einmal anderer Meinung sein.
Das Chillout-Zelt bietet dabei genauso seinen Platz wie das Seilziehen oder die Möglichkeit, laut zu schreien. Auch Frust, Wut und starke Gefühle gehören zum Leben. Entscheidend ist, einen Umgang damit zu finden, der niemandem schadet.

Was ich aus diesem Tag mitnehme
Für mich persönlich war der Tag im Respect Camp eine bereichernde Erfahrung. Ich habe erlebt, wie unterschiedlich Jugendliche auf gesellschaftliche Themen reagieren und wie wichtig es ist, ihnen Raum für ihre eigenen Gedanken zu geben.
Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass Sensibilisierung nicht bei allen Menschen am gleichen Punkt beginnt. Manche bringen bereits viel Wissen und persönliche Erfahrungen mit, andere müssen sich erst langsam mit bestimmten Themen auseinandersetzen.
Das ist keine Schwäche, sondern eine Ausgangslage, mit der Bildungs- und Präventionsarbeit arbeiten muss.
Mein wichtigstes Fazit aus diesem Tag lautet deshalb: Friedensförderung und Antirassismus beginnt mit Begegnung. Wenn wir miteinander ins Gespräch kommen, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und bereit sind, unsere eigenen Vorstellungen zu hinterfragen, entsteht die Möglichkeit, Verständnis zu entwickeln.
Vielleicht braucht es dafür manchmal ein Leiterlispiel, ein Kartenspiel, ein Seil zum Ziehen oder einfach einen Ort, an dem man miteinander reden kann. Und vor allem mehr von diesen Projekten.
Danke, dass ich ein Tag lang ein Teil davon sein konnte.
Sükran Magro, Geschäftsleiterin Solidaritätsnetz Ostschweiz




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